© Thomas Hartmann, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Obwohl sich die Gender Studies innerhalb der Geschichtswissenschaft mittlerweile längst als Teildisziplin etabliert haben, stellen entsprechende Themen und Fragestellungen für die Landesgeschichte nach wie vor ein Desiderat dar. Auseinandersetzungen mit dem historischen Wirken von Frauen gibt es nur in seltenen Einzelfällen, wobei die Ergebnisse der jeweiligen Studien kaum miteinander in Bezug gesetzt werden. Das Projekt setzt sich daher zum Ziel, die Grundlagenforschung voranzutreiben und auf dieser Basis sowohl regional vergleichende Ansätze zu verfolgen als auch Perspektiven einer umfassenden, Frauen und Männer gleichermaßen integrierenden Geschlechtergeschichte zu eröffnen. In einem allerersten Schritt wurde an der Christian Albrechts-Universität zu Kiel eine Ringvorlesung veranstaltet, die ihren Fokus in epochenübergreifender Weise auf Schleswig-Holstein gesetzt hat, aber auch Anknüpfungspunkte an den Raum Südtirol eröffnete. Die Publikation der Beiträge befindet sich momentan in Vorbereitung.
Weitere Informationen:
Die Ankündigung der Publikation finden Sie hier.
Zum Pressespiegel der Ringvorlesung sehen Sie hier und hier.
Im römisch-deutschen Reich des Mittelalters spielten Bischöfe und Erzbischöfe als Mittler von weltlicher und geistlicher Sphäre – als Kirchenfürsten unter der Oberhoheit des Papstes einerseits und als Reichsfürsten unter der Oberhoheit des Königs andererseits – eine bedeutende Rolle. Die bisherige Forschung wurde allerdings über weite Strecken von einem nur geringen Spektrum an Paradigmen und Narrativen dominiert, wohingegen es an vergleichenden Untersuchungen mangelt. Das Projekt verfolgt daher das Ziel, die Reichsbischöfe des hohen Mittelalters als Akteure in den Mittelpunkt zu stellen und mit Hilfe des Konzepts der Handlungsspielräume zu untersuchen. Als Fallgruppe dienen dabei diejenigen Prälaten, die im Laufe ihrer Amtszeit wesentliche Grundlagen ihres Amtes etwa durch Vertreibungen oder das Wirken von Gegenbischöfen oder sogar ihr Amt selbst zum Beispiel durch Rücktritte, Absetzungen oder Mordanschläge einbüßten. Diese Fallgruppe von im weitesten Sinne gescheiterten Geistlichen erweist sich als besonders reizvoll, weil sie durch die zunehmende Einschränkung ihrer Handlungsspielräume die Relevanz derselben hervorzuheben vermag. Insgesamt wird das Projekt somit grundlegende Erkenntnisse zur hochmittelalterlichen Bischofsherrschaft zu Tage fördern und damit Einblicke in Strukturen ermöglichen, die für die mittelalterliche Gesellschaft zentral waren.
Aktuelle Publikationen:
Nina Gallion, Exemt, frei und unabhängig? Die Bischöfe von Kammin in vorreformatorischer Zeit, in: Przegląd Zachodniopomorski 33/4, 2018, S. 95–123. (online unter: https://wnus.edu.pl/pzp/pl/issue/916/).
Der Bischof im mittelalterlichen Reich. Aktuelle Forschungsansätze und Perspektiven, hg. von Nina Gallion/Frederieke M. Schnack (Studien zur Germania Sacra, Neue Folge), Berlin/Boston 2020, in Vorb.
Bei der Binger Judenschuldenliste handelt es sich um eine außergewöhnliche Quelle mit einem hohen Aussagewert für Fragen der jüdischen Geschichte, des mittelalterlichen Kreditwesens und der Landes- und Stadtgeschichte. Zum Kontext ihrer Entstehung um 1426 fehlen zwar bislang zeitgenössische Aussagen, aber ein Zusammenhang mit Wuchervorwürfen bzw. der Erpressung seiner Schutzjuden durch den Mainzer Erzbischof Konrad III. von Dhaun liegt nahe. Auf Geheiß jenes Erzbischofs wurden in dieser Liste Aussagen verzeichnet, mit denen insgesamt 142 Männern und Frauen aus Bingen und dem Vorort Weiler sich zu ihren Schulden bei jüdischen Geldverleihern erklärten. Diese spannende Quelle wurde von Michael Toch in den Germania Judaica mit Blick auf Praktiken der Kreditvergabe ausgewertet, ihre bereits von Yacov Guggenheim als Desiderat bezeichnete Publikation konnte allerdings bislang nicht umgesetzt werden. Das Projekt verfolgt – im Auftrag der Historischen Gesellschaft Bingen – das Ziel, die im Staatsarchiv Würzburg aufbewahrte Binger Judenschuldenliste nun in einer kommentierten Edition zugänglich zu machen.
Kern des Projektes ist die Frage nach einer Verwaltungssprache im Spätmittelalter im übersprachlichen und überregionalen Vergleich. Hierzu werden die Stadtverwaltungen in Augsburg und Aberdeen vom 13. bis zum frühen 16. Jahrhundert vergleichend untersucht. Leitfragen gelten der Organisation der Stadt- und insbesondere der Finanzverwaltung sowie deren Entwicklung. Gesucht wird insbesondere nach der Verwendung von Begriffen zur Dokumentation des Verwaltungshandelns sowie unterschiedlichen Anwendungen in normativen Texten und Texten der Verwaltungs- und Rechtspraxis. Das DFG geförderte Projekt hat im April 2020 begonnen und wird von Prof. Dr. Jörg Rogge (Mainz) und Dr. Jackson Armstrong (Aberdeen) geleitet. Es baut auf vorhergehenden Projekten zu den Augsburger Baumeisterbüchern und den Aberdeen Registern Online. Eine eigene Homepage ist im Entstehen.
Mehr ein besonderes Forschungsinteresse als zurzeit ein konkretes Forschungsprojekt gilt dem Wandel von Familienstrukturen und der rechtlichen Stellung von (Ehe-)Frauen im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert. Im Kontext dieses Themenkomplexes bin ich dem internationalen und interdisziplinären Arbeitskreis „Gender Differences in European Legal Cultures“, der sich wieder im Februar 2021 in Vancouver treffen wird, ebenso verbunden wie dem „Family and Kinship Network der German Studies Association“. Universitätsintern bringe ich diese Interessen im Rahmen der interdisziplinären Arbeitsgruppe 4 „Sprache und Gesellschaft“ des Forschungsschwerpunktes SoCuM (Sprecherin: Prof. Dr. Antje Lobin) ein. Zuletzt vorgetragen zu dem Thema habe ich auf der Jubiläumstagung „Übergänge“ (Stuttgart-Hohenheim, 24.-26.10.2019) des Arbeitskreises Geschlechtergeschichte der Frühen Neuzeit sowie der Tagung „Open Kinship? Social and Legal Practices from Gender Perspectives (1450-1900)“ (Wien, 26.-28.9.2019).
Publikationen:
Regina Schäfer: Inheritance Disputes from Ingelheim Court Records on the Threshold of the Early Modern Period (Fourteenth to Fifteenth Centuries). In: Margareth Lanzinger et al. (eds.), Stipulating - Litigating - Mediating. Negotiations of Gender and Property, Leiden, Brill (erscheint voraussichtlich 2020).
Die Haderbücher sind Protokollgerichtsbücher des sogenannten Ingelheimer Grundes. Dieser bestand aus insgesamt neun Orten, die vom späten 14. bis zum frühen 16. Jahrhundert verpfändetes Reichsgut waren. Hier hat sich eine ungewöhnlich gute Schriftlichkeit eines deutschrechtlichen und nicht-städtischen Laiengerichts überliefert. Rund 20 Protokollbücher sind in Ingelheim heute noch vorhanden. Das Editionsprojekt wird vom Institut für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz e.V. betreut. Ein Teil der Bücher liegt gedruckt vor, andere online. Hinzu kommen mehrere Begleitbände. Ich bin an der Übertragung der Haderbücher in ein modernes Deutsch beteiligt und ziehe die Bestände auch für meine wissenschaftliche Arbeit heran. Zuletzt vorgetragen habe ich zu dem Thema auf der Konferenz des Max-Weber Instituts: „Neighborliness in Global Perspective“ (Kairo, 12-14.12.2019).
Letzte erschienene Publikation:
Regina Schäfer: Ingelheim im Spätmittelalter. In: Ingelheim am Rhein. Geschichte der Stadt von den Anfängen bis in die Gegenwart. Hrsg. von Hans Berkessel u.a. Mainz 2019, S. 82-101.